Sei mutig …

… dann wirst du keinen Mut mehr brauchen.

Gestern habe ich mich mit einer Leserin, Buchgruppen-Administratorin u.a.m. unterhalten. Wir beide lieben Dark Romance. Aber wir sind beide auch sehr kritisch. Im Verlauf des Gesprächs habe ich etwas gesagt, worüber ich anschließend erstmal selbst nachdenken musste.

Die meisten Autoren haben Angst vor dem Scheitern.

Ich habe das aus einem Impuls heraus behauptet. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir: Ja, haben sie. So sehr, dass sie quasi alles dafür tun, um nicht zu scheitern.

Ich glaube, ein Stück weit ist das auch »typisch deutsch«. Wir werden quasi mit der Angst vor dem Scheitern von der Muttermilch entwöhnt. Eine Firmenpleite ist in Deutschland gleichbedeutend mit Gesichtsverlust. Deswegen machen sich viele nicht selbstständig, weil die Frage, ob man dabei nicht scheitern könnte, alles im Keim erstickt.

Deshalb glaube ich auch, dass viele Bücher gar nicht geschrieben werden – oder zumindest nicht so geschrieben werden, wie sie eigentlich geplant waren. Weil der Autor Angst hat, auf die Nase zu fallen. Also orientiert er sich an anderen, erfolgreichen Autoren. Übernimmt deren Coverkonzepte, liest ihre Bücher und schaut, wie weit sie gehen, wie sie Dinge lösen … Ich will damit nicht sagen, dass das unbedingt was Schlechtes ist. Aber ich will sagen, dass eure Arbeiten damit Gefahr laufen, im Einheitsbrei zu versinken.

Am Anfang eines jeden Lernprozesses steht das Lernen durch Imitation. Man schaut sich Dinge an und ahmt sie nach. So weit – so gut. Ich war damals quasi die perfekte Kopistin von Johanna Lindsey und Heather Graham. Dann kam Kresley Cole und … Whoa! Was für ein Characterbuilding! Geil!

Ich adaptierte diverse Stile, Ideen, aber irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich mich damit selbst langweilte. Ich kann doch nicht ständig kopieren. Die Autoren, die ich lese, sind doch kein Baukastensystem, aus dem ich mich beliebig bedienen kann. Ich habe viel dadurch gelernt und bin deshalb diesen Autoren wirklich dankbar, aber ich muss meinen eigenen Stil finden.

Das habe ich getan.

Ich kannte nun die Regeln. Jetzt war es an der Zeit, sie zu brechen.

Und ich habe es veröffentlicht. Jedes verdammte Buch auf diesem Weg. Natürlich hatte ich Schiss. Ich mute meinen Lesern damit eine Menge zu, das weiß ich. Eine klassische Novelle (Ja, liebe Leute, das ist was ganz anderes, als ihr euch immer denkt!) bei »Raging Dawn«, der cineastische, lyrisch-abstrakte Schreibstil von »bark & bite«, der verdrehte rote Faden bei »Three Scars«, bei dem ich erst in der Mitte der Handlung mit der Geschichte einsetze.

Die Cover, die mittlerweile so gar nichts mehr mit den Gepflogenheiten des Genres zu tun haben, und die auch künftig nicht »back to basic« gehen werden.

Und ja, ich habe jedes Mal aufs Neue Schiss. Trotzdem werde ich damit nicht aufhören. Dann scheitere ich halt. Und? Was passiert dann? Wird die Höllenpforte sich öffnen und … Nein, halt. Das könnte ja sogar ganz spannend werden. Kommt dann der Henker vorbei und …? Nein, ich glaube, Henker sind in dieser Zeit aus der Mode gekommen. Zumindest in Zentraleuropa.

Also noch mal: Wovor habt ihr Angst?

Habt ihr wirklich Angst davor, dass man euch bzw. eure Bücher wiedererkennen kann? Angst davor, dass es einigen nicht gefällt?
Darf ich spoilern? Es wird immer Menschen geben, denen ein Buch nicht gefällt. Das gehört dazu. Das ist kein Beinbruch. Und wenn ich noch ein kleines Geheimnis ausplaudern darf: Es ändert gar nichts an den Verkäufen, wenn ein Buch nicht jedem gefällt.

Das gilt auch für eure Cover. Ehrlich, Leute, ich kann eure Bücher nicht mehr auseinanderhalten. Ich sehe nur lauter Metallic-Elemente, Stacheldraht, Vögel, Blumen, geometrische Figuren, nächtliche Skylines mit Nebel, Glitzer und diesen einen Typen mit der volltätowierten Brust. Aber wo ist der Punkt, der euer Buch von den anderen abhebt? (Und damit meine ich jetzt nicht »Das Cover ist so dilettantisch, das müsst ihr einfach kaufen.«) Wo ist euer Mut, euer Buch in das Gewand zu hüllen, das es unverwechselbar macht?

Was ist es, das euch davon abhält, eure Werke mit euren eigenen Fingerabdrücken zu versehen?

Die Marke »Autor« erkennt man nicht an der Größe des Namens auf dem Cover. Die Marke »Autor« erkennt man daran, dass man das Buch aufmacht und sich von einem ganz eigenen Stil in eine andere Welt entführen lässt.

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