Symbolbild eines Wohnzimmers nach einem handgreiflichen Streit. Text: Die Farben der Gewalt

Er sitzt in seinem Auto. Er weiß, dass er reingehen muss, aber er kann nicht. Er genießt die Stille. Den Kopf gegen die Nackenstütze gelehnt, den Blick gen Wagenhimmel gerichtet. Ob er eine rauchen sollte? Er hat vor Jahren aufgehört, aber das Bedürfnis ist plötzlich übermächtig.

Nein. Das wäre nur noch mehr Streit. Ein weiterer Punkt, an dem er in ihren Augen versagen würde. Er will nicht da raus. Er will in der Stille bleiben. Ohne Streit und abfällige Worte. Er will mit der Wut und der Hilflosigkeit nicht kämpfen müssen, die ihn überkommen, wenn es mal wieder eskaliert.

Er weiß nicht mehr, was er tun soll. Am Ende ist alles falsch. Also bleibt er sitzen. Im Auto. Im Büro. Im Arbeitszimmer zuhause. Dort, wo er sich nach einem Streit die Fingerknöchel an der Wand aufgeschlagen hat, als niemand hinsah.

Er fühlt sich leer. Ausgebrannt. Als ob er nichts richtig machen kann. Du musst mehr Leistung bringen. Hör auf zu schnarchen. Du musst mehr Geld nach Hause bringen. Du machst nichts richtig. Fass mich nicht an!

Die Worte taumeln durch seinen Kopf, jedes einzelne davon wie Gift in seiner Seele. Sie sind laut, nicht selten geschrien und allein bei der Erinnerung an ihren letzten Streit zuckt er zusammen.

Er muss das hinbekommen. Er weiß, dass er temperamentvoll ist. Er muss ruhiger werden. Ihr besser zuhören. Anders werden. Dann wird es auch wieder besser werden. So, wie früher. Er muss sich nur mehr anstrengen, denn er ist schuld daran, dass sie ständig wütend wird.

Tief atmet er durch und legt die Hand an den Türöffner. Das Licht im Wageninneren flammt auf und Kälte streicht über sein Gesicht, als seine Schuhe im Schnee versinken. Er kann das schaffen. Er muss sich nur mehr anstrengen, dann kann alles wieder so werden, wie es einmal war. Er strafft sich, er kann spüren, wie jeder Muskel sich spannt. Als ob sein Körper sich für die nächste Begegnung wappnet – für den Weg in sein Zuhause. Er muss das schaffen.

Am 8. Februar 2024 stellte das KfN (Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen) eine repräsentative Studie zum Thema »Gewalt gegen Männer in Partnerschaften« vor. Das erschreckende Ergebnis: 54,1% der befragten Männer gaben an, jemals in ihrem Leben von Partnerschaftsgewalt betroffen gewesen zu sein. Mehr als 30% gaben an, von mindestens zwei Gewaltformen betroffen gewesen zu sein.

Die Gewaltformen? Körperliche Gewalt, psychische Gewalt, Kontrollverhalten, sexualisierte Gewalt, digitale Gewalt.

Direkt danach befragt, gab jedoch lediglich ein Fünftel an, selbst von Gewalt betroffen gewesen zu sein. Warum? Weil die große Mehrheit viele der Dinge, die sie im Verlauf der Studie angaben, gar nicht als Gewalt verstanden.

Oder sich selbst die Schuld gaben.

Gewalt gegen Männer ist nach wie vor ein Tabu-Thema in unserer Gesellschaft. Nicht nur untereinander, sondern auch vor sich selbst. Frauen schlagen nicht oder nur selten, in unseren Köpfen ist es aber nach wie vor einzementiert, dass Gewalt stets physisch ist. Und eine Frau nur dann physische Gewalt anwendet, wenn man sie dazu nötigt. Eine Frau wirft mit Geschirr nach ihrem Mann? Dann wird er wohl etwas getan haben, dass es dazu kam. Eine Frau schreit ihren Mann an? Dann wird sie einen Grund dafür gehabt haben. Die Täter-Opfer-Umkehr bei Partnerschaftsgewalt, sobald das Opfer der Mann ist, ist so fest in unserer Gesellschaft verankert, dass selbst mir es oft passiert, dass dieser Gedanke aufkommt, wenn ich Beiträge zu dem Thema lese. Dabei weiß ich es besser, denn ich habe in meinem Umfeld viel zu oft selbst miterlebt, wie Partnerschaftsgewalt durch Frauen funktioniert. Frauen, die sich – aufgrund unserer aller Sozialisation – gar nicht bewusst sind, dass das, was sie da tun, Gewalt ist. Sie wähnen sich im Recht und die Gesellschaft gibt es ihnen auch.

Ein Mann, der seine Partnerin schlägt, ist Täter. Daran gibt es nicht zu rütteln. Dennoch muss man festhalten, dass Partnerschaftsgewalt ein sehr komplexes Thema ist und das Schlagen oftmals das Ende einer ganzen Serie von Gewalt bedeutet. Der sog. Victim-Offender-Overlap liegt laut der Studie des KfN bei 73%, was nichts anderes bedeutet, als dass Männer, die selbst Gewalt durch die Partnerin erfahren haben, im Verlauf dieser Erfahrung selbst zu Tätern werden. Das relativiert ihre Schuld nicht, aber genauso wenig darf die Gewalt der Partnerin dadurch relativiert werden.

Die Realität sieht hingegen oft anders aus. Wenn eine Frau sagt, dass sie von ihrem Mann geschlagen wurde, schalten wir alle umgehend ab. Die Frau ist das Opfer und nur das Opfer. Der Weg zu dieser Gewalt wird nicht oder nur noch selten gesehen, der Mann ist Täter und nur noch das. Und er ist noch mehr: Er ist ein weiterer Baustein in der zunehmenden Misandrie unserer Gesellschaft – die Bestätigung dafür, dass »not all men, but always men« eine korrekte Annahme ist. Es befeuert den »Männerhass«, der zunehmend salonfähig wird.

Das glaubst du mir nicht? Erst vor wenigen Tagen habe ich auf Threads folgenden Post gefunden:

»Welcher 2026 Charakter bist du? (Millennial Edition)

Frisch verheiratete
Geschiedene
Langzeitsingle
Schwangere
Männerhasserin
Sonstiges«

Die Mehrheit der Antworten enthielt »Männerhasserin«. Mal abgesehen davon, dass ich es fragwürdig finde, dass ein Charakter sich ausnahmslos an Punkten festmachen lassen soll, die am Ende allesamt men-related sind, war ich schockiert davon, wie selbstverständlich diese Antworten kamen. Mehr als eine Frau merkte dabei an, dass es nur wenige gute Männer gäbe, und mein zynisches Hirn blendete postwendend einen gewissen Spruch aus dem Dritten Reich zum Thema »gute Juden« ein.

Männerhass ist salonfähig geworden und inzwischen habe ich mehr als ein Reel gesehen, in dem eine Frau sich offen Misandristin nennt. Die rechtsstaatliche Unschuldsvermutung besitzt in der Gesellschaft keine Relevanz mehr. Ladies, ich will euch jetzt mal auf die Füße treten, denn … Das. Ist. Gewalt. Pauschaler Männerhass ist Diskriminierung, die Aufgabe der Unschuldsvermutung ist Diskriminierung, denn ihr verlasst nicht nur die Augenhöhe, ihr habt sie nie besessen.

Wir müssen nicht nur über Gewalt reden. Wir müssen uns ihrer endlich bewusst werden. Gleichberechtigt. Wir müssen die Komplexität von Partnerschaftsgewalt endlich anerkennen, in der nicht selten die Rollen von Täter und Opfer wechselseitig besetzt sind. Denn wenn wir als Gesellschaft heilen wollen, können wir nicht nur die eine Perspektive einnehmen.

Auch Männer sind Opfer. Auch Frauen sind Täter. Meist sind wir uns dessen nicht mal bewusst. Und genau an dem Punkt müssen wir ansetzen. Gleichberechtigt und auf Augenhöhe.

Quelle:

https://www.maennergewaltschutz.de/neuigkeiten/kfn-studie-maenner-partnerschaftsgewalt