TL;DR: Finger weg von Coaches, die dir erklären wollen, dass du nur das richtige Mindset benötigst, um erfolgreich zu sein.
Es ist ein x-beliebiger Tag im noch jungen 2026. Ich öffne Facebook (das ist diese »alte Leute App«, falls ihr euch erinnert) und wie üblich sehe ich dort nichts von meinen eigenen Kontakten, sondern Werbung und Vorschläge für irgendwelchen BS. Ich schenke ihm kaum Beachtung, scrolle durch, bis ich stutzig werde, denn … der BS zentriert sich zunehmend auf ein einzelnes Thema: »Ich helfe dir, mit dem richtigen Mindset ein erfolgreicher Autor zu werden.«
Die Namen dieser Menschen sagen mir nichts oder nur selten etwas. Aber sie sind alle erfolgreich und nicht wenige nennen sich Bestseller-Autor. Well … ganz schön viele Bestseller-Autoren plötzlich, wenn man mich fragt.
Klickt man weiter, liest man emotional aufgeladene Texte darüber, wie jeder Einzelne davon schon kurz davor gewesen wäre, aufzugeben. Wie hart es war, wie sehr sie sich übernommen und Psyche sowie Privatleben darunter gelitten haben. Dann ein harter Cut: »Heute lebe ich das Leben, das ich immer gewollt habe. Ich habe Zeit für Freunde und Familie. Ich bin erfolgreich und habe das beste Leben. Und das Tollste ist: Ich teile meine Erfahrung mit dir! Komm in meinen (Gratis-)Kurs und ich helfe dir auf deinem Weg.« (Oder ähnliche Formulierungen, die jedoch stets den gleichen Grundtenor besitzen.)
Ja, klar. Wer will das nicht? Die romantisierte Version des Autors, der für ein paar Stunden am Tag verträumt an seinem Arbeitsplatz sitzt, gechillt ein paar Worte in die Tastatur haut, um danach das beste Leben zu genießen? Womöglich noch unter Palmen an einem malerischen Sandstrand im Hintergrund eine Villa.
Die Realität sieht anders aus. In den letzten Jahren hat sich der Buchmarkt zunehmend verdichtet. Immer mehr Autoren und Verlage kämpfen um ihren Anteil des Kuchens. Selbst »alte Hasen« struggeln mit rückläufigen Zahlen. Der Druck, der dadurch auf uns allen lastet, ist enorm. Vom Debüt-Autor bis zum Urgestein, ein jeder hat zu kämpfen, das eigene Buch in die Sichtbarkeit zu bringen.
Ich auch. So sehr, dass ich mir einen Nebenjob gesucht habe, um diesen Druck von mir zu nehmen. Und auch wenn ich den Job mag, so fühlt sich das wie Scheitern an. Nach acht Jahren, in denen ich entspannt von meinen Büchern habe leben können, muss ich jetzt andere Lösungen finden? Ja, das ist hart. Aber so ist es nun mal, wenn man auf dem freien Markt unterwegs ist. Stolz ist da nicht angebracht oder man gräbt sich immer tiefer in die Scheiße.
Stolz hat die Macht, uns das Genick zu brechen. Stolz treibt uns dazu, immer absurdere und komplexere Wege zu finden, um sich am Markt zu positionieren. BookTok wird zum Brandbeschleuniger des Wahnsinns. »Mein Buch ist gut! Ich muss nur ausreichend Menschen erreichen, damit es gesehen werden kann.« Ja, Schatz, das mag so sein, aber bist du dir sicher, dass Kosten und Nutzen noch in der Balance sind, wenn du diesen Pfad runtergehst? Farbschnitte, Buchveredelungen, Charakterkarten, Overlays, immer mehr Teaser-Reels, immer mehr Selbstdarstellung. »Posten! Posten! Posten!« Die Zeit, die du auf Social Media verbringst, um dein Buch – nein, um DICH – sichtbar werden zu lassen, überschreitet schnell die Zeit für die eigentliche Arbeit: das Schreiben.
Girl, auch dein Tag hat nur 24 Stunden. Auch dein Budget ist begrenzt. Du kannst nicht tausende Euro in Auflagendruck und hochwertigen Merch sowie Veredelung investieren. Also … kannst du schon, aber die nüchterne Kalkulation besagt, dass du das definitiv nicht solltest.
Wir alle wollen Erfolg. Weil wir hinter den Büchern stehen, die wir geschrieben haben. Damit werden wir jedoch auch angreifbar. Unser wichtigstes Gut ist – neben Geld – Zeit. Und wie der Esel, dem man die Möhre vor die Nase hält, traben wir dem Erfolg nach, sammeln Blogger und verbrennen unendlich von unserer Zeit darin, diese zu koordinieren. (No Front an die Blogger, ihr seid toll!) Wir beauftragen Künstler oder setzen uns mit KI auseinander (was übrigens erheblich mehr Zeit und Energie frisst, als die Gegner ständig behaupten), drehen Reel after Reel, nur um gesehen zu werden.
Die nüchterne Realität besagt übrigens, dass auch dies nicht zum Erfolg führt. Denn die einfache Wahrheit ist: Wenn alle es so machen, ist dieser Marketing-Affenzirkus kein USP (Unique Selling Point) mehr. Die riesige Marketingblase namens Social Media ist zum neuen Normal geworden.
Das Ergebnis? Der Frust auf Autorenseite steigt noch weiter. Der Glaube, sich nur einfach mehr anstrengen zu müssen, wird zur Obsession, der Spiegel Bestseller zum Heiligen Gral.
Aber wie will man das als One-Wo*Man-Show alles leisten? Privatleben? Gestrichen. Zeit zum Schreiben? Gestrichen. Gerüchte halten sich hartnäckig. Von Autoren, deren hoher Output einzig darauf basiert, dass sie KI beim Schreiben einsetzen. Von Autoren, die ihre eigenen Prints kaufen, um die Umsätze zu frisieren, weil sie hoffen, so an das ersehnte Bestseller-Label zu gelangen.
Der Traum des Autors wird zur Schlinge um seinen Hals. Aber aufgeben? Niemals! Stolz kickt rein und verbietet es einem, zurück in das Angestelltendasein zu kehren. Stattdessen sieht man den Rücklagen beim Schmelzen zu.
»Ich habe zehn Jahre Erfahrung als Autor, ich kann dich auf dem Weg zu deinem Erfolgsroman coachen.« Macht Sinn, nicht wahr? Die theoretische Expertise ist vorhanden, man muss sie nur in Gold verwandeln. Wenn schon nicht für sich selbst, so doch für andere.
Einige bieten Schreibcoachings an, einige mehr Lektorate. Und wiederum andere landen bei der Suche nach psychischer Entlastung in einer Welt der Esoterik und Pseudoreligiösität: den Coaches.
Sie wirken wie die Quacksalber des einstigen Wilden Westens, die von Ort zu Ort mit ihren Karren gefahren sind, um ihr Zaubertonikum zu verkaufen. In Flaschen abgefüllte Hoffnung oder auch: mit Kräutern garniertes Wasser.
»Du musst dein Mindset überarbeiten! Mit den richtigen Affirmationen kannst du alles schaffen!« Worte, die sich wie Balsam auf die geschundene Autorenseele legen. Sie erzählen dir von Energien, die du lediglich freisetzen musst, um dein persönliches Ziel zu erreichen. Welches das ist, ist für sie meist austauschbar. Als großes Beispiel nennen sie sich selbst. »Ich war an dem gleichen Punkt wie du und jetzt sieh, was ich alles erreicht habe.«
Überprüfbarkeit? Fehlanzeige. Ich habe mir den Spaß gegönnt und bin einem dieser »(Spiritual) Business Coaches« nachgegangen. Das Internet gibt nur Preis, was die Person selbst dort platziert hat. Überraschend wenige und ausnahmslos 5*-Bewertungen bei Google, viel zu wenige Bewertungen der einzigen Veröffentlichung im Verhältnis zu dem, was dieser Mensch über sich selbst sagt. Beiträge (teilweise hinter Bezahlschranken) auf übereuphorischen Websites ohne jegliches Impressum.
Nicht mal auf Reddit, dem Ort für alle Antworten des Internets, gibt es eine einzige auch nur halbkritische Stimme? Stattdessen die gleiche Übereuphorie, die sich bereits durch ihr gesamtes virtuelles Auftreten zieht?
Nennt mich paranoid, aber den Köder schluck ich nicht.
Genauso, wie ich den Köder nicht schlucke, der mir weismachen will, dass es einzig an meinem Mindset liegt, wenn ich keinen Erfolg habe, denn wenn ich eines gelernt habe, dann, dass es keine einfachen Lösungen für komplexe Probleme gibt.
Die Goldgräberzeiten des Selfpublisher-Buchmarktes sind vorbei. Wir alle kämpfen und unser Mindset kann zwar etwas an unserer Einstellung dazu ändern, aber es kann keinen Erfolg herbeizaubern. Es gibt kein Zaubertonikum, das die Goldgräberzeiten zurückholt – schon gar nicht aus uns selbst heraus.
Der einzige Profiteur ist der Coach selbst. Mehrere tausend Euro kosten die Seminare, die diese Menschen anbieten – abzüglich des ersten, das meist kostenlos ist und wenig Inhalt hat dafür jedoch viel spiritual energy freisetzt und nicht selten die Menschen dazu verleitet, noch vor Ort für die nachfolgenden Kurse zu unterzeichnen.
Es ist das Geschäft mit der Hoffnung, auf das der gebeutelte Autor jetzt hereinfällt. Hallo Esel, hier ist deine Möhre. Zusätzlich zu dem zuvor schon versenkten Geld investiert er aufgrund von Hoffnung also noch mehr von etwas, das er gar nicht mehr hat. Das muss wieder rein, denn sobald er aus seinem motivational trauma (meine eigene Wortkreation) wieder aufwacht, schreien ihn seine Bilanzen an. Das Wasser steht ihm sprichwörtlich bis zum Hals, aber die Lösung hat er da bereits in der Hand: Er verkauft das, was er selbst für teuer Geld inhaliert hat: das Coaching, für das er ja selbst ein Zertifikat besitzt.
Ein klassisches Schneeball-System also, das man heute aber lieber Affiliate System nennt, um den verbrannten Begriff zu umgehen. Der Autor ist nun Coach und kann mit Kräutern garniertes Zauberwasser selbst verkaufen. Belletristik? Sachbuch? Ratgeber? Vollkommen egal, denn »es liegt einzig an deinem Mindset, warum du keine Bücher verkaufst«. Marktanalysen werden gegen Affirmationen getauscht, Businesspläne gegen Mindset. Und das Schreiben selbst? Nope. Das ist nicht mehr ausschlaggebend, um als Autor Erfolg zu haben.
Wie vielen muss dieser Mensch das Prinzip Hoffnung jetzt also verkaufen, um damit genau den Erfolg zu haben, nach dem er zuvor mit seinen Büchern gesucht hat? Die traurige Wahrheit ist, dass diese Kurse meist so teuer sind, dass oftmals wenige Dutzend Verkäufe ausreichen, um sich entspannt zurücklehnen zu können. Das Invest? Vergleichsweise gering, denn die Inhalte dieser Kurse bestehen meist aus Esoterik, NLP und durch die rosarote Motivationsbrille gefärbte Träume, die man jedoch lieber Manifestationen nennt – klingt ja auch viel hübscher als Zaubertonikum.
Quellen und weiterführende Informationen:
